Zur Methode des Bildergesprächs

Aus: Wolf Rainer Leenen (Hg.): Handbuch Methoden interkultureller Weiterbildung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019

1.4. Bilder in der interkulturellen Weiterbildung (S. 603 ff.)

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„2004 stellte Reiner Diederich das ‚Bildergespräch als Methode interkulturellen Lehrens und Lernens‘ in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen vor:

Diederich, R. (2004). Das Bildergespräch als Methode interkulturellen Lehrens und Lernens. In A. Treichler, N. Cyrus (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft (S. 448-469). Frankfurt/M: Brandes und Apsel.

In seinem Artikel gibt der Autor zunächst eine kurze Einführung in diese Arbeitsform und beschreibt dann seine praktischen Erfahrungen.

Das Bildergespräch

Das Bildergespräch wurde in den 1980er Jahren in Deutschland zunächst in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit entwickelt und dann von der Münchner Kunsthistorikerin Gabriele Sprigath als ‚Modell zur Kunstvermittlung‘ beschrieben und über viele Jahre praktiziert (Sprigath 1986).

Den methodischen Ansatz des Bildergsprächs charakterisiert Diederich (2004) folgendermaßen: ‚Das Bildergespräch als eine Methode des Sprechens über Bilder ist ein angeleitetes, strukturiertes, aber nicht-direktives Gruppengespräch über ein Bild. Es folgt keinen didaktischen Vorgaben, sondern stellt die Wahrnehmungen, Assoziationen und Interpretationen der Teilnehmenden selbst in den Mittelpunkt, ohne sie zu bewerten (…) Gegenstand können Bilder aller Art sein – Kunstwerke, Fotografien, Karikaturen, Werbeplakate, Titelblätter von Zeitschriften u.a. Bildergespräche dauern, wenn es sich um komplexe Bilder handelt, über eine Stunde (…) Im Unterschied zur objektivierenden, lernzielorientierten Bildanalyse arbeitet das Bildergespräch mit und an den subjektiven unbewussten Codes der Teilnehmer – die nicht nur individuell sondern auch kollektiv (klassen-, schicht-, geschlechtsspezifisch und ethnisch-kulturell) geprägt sind. Sie werden im Verlauf des Gesprächs sichtbar, führen aber nicht zum Auseinanderdividieren der Gruppe, weil sie wegen der konstitutionellen Vieldeutigkeit des Bildes nebeneinander bestehen bleiben können‘ (Diederich, 2004, S. 454 f.).

Das konkrete methodische Vorgehen umfasst nach dem Einstieg die zwei Phasen ‚Beschreibung‘ und ‚Interpretation‘. Die Übergänge sollten zwanglos und fließend sein, um jederzeit ein reibungsloses  Hin- und Her-Wechseln während des Lehr-/Lernprozesses zu ermöglichen: Wenn sich z.B. ‚bei der Interpretation herausstellt, dass Teile des Bildes noch nicht genau genug wahrgenommen bzw. beschrieben worden sind, geht man einen Schritt zurück zur Beschreibung, um dann wieder zur Bedeutung (zurück) zu kommen‘ (Diederich, 2004, S. 457).

Am Ende seines Artikels stellt Diederich (2004) zwei praktische Beispiele für Bildgespräche vor. Im ersten liefert ein gestelltes Foto (zwei verschleierte Frauen mit Kind auf einem Parkplatz von Julika Rudelius) den Gesprächsanlass (Details zu diesem Bildergespräch und das Bild finden Sie unten im Abschnitt 3.2), im zweiten ist es ein Kunstbild des deutschen Malers Max Beckmann: ‚Die Synagoge in Frankfurt am Main‘.“ (S. 611 f.)

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3.1.1. Mögliche Arbeitsformen (S. 625 ff.)

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Bilder besprechen: Alle Lernenden sollten die Gelegenheit haben, frei das zu äußern, was ihnen zum gewählten Bild einfällt. Weil Bilder immer vieldeutig sind, ist es wichtig, die gemachten Aussagen nicht zu kommentieren oder gar zu kritisieren.

Bilder lesen nach Leitfragen. Die Lernenden versuchen ausgewählte Bilder mit vorgegebenen Fragestellungen (z.B. Was sehe ich? Welche Gefühle löst das Bild bei mir aus? Was ist das Thema des Bildes?) zu ‚lesen‘ (s. in diesem Abschnitt: ‚die thematische Analyse von Bildern‘).

Bildgespräch: ein angeleitetes, aber nicht-direktives Gruppengespräch über ein vorgegebenes Bild (vergl. Abschnitt 1.4 und Abschnitt 3.2: das ‚Bildergespäch von Diederich‘).

Ich sehe, spüre und stelle mir vor: Die Lernenden betrachten ein ausgewähltes Bild zum Thema und beantworten schweigend für sich spontan die Fragen (Was sehe ich? Was spüre ich? Was stelle ich mir vor?). Dann werden diese ersten Eindrücke und Gefühle in der Gruppe berichtet. Die jeweilige Aussage wird dabei begonnen mit: Ich sehe …/Ich spüre …/Ich stelle mir vor…“ (S. 628 f.)

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3.2.3 Hochschule (Sozialarbeit/Sozialpädagogik)

„Diederich (2004) beschreibt und kommentiert ein Bildergespräch, das er mit Studentinnen und Studenten der Sozialarbeit zu einem Bild von Julika Rudelius geführt hat. Als Vorlage diente dabei allerdings nur der rot umrandete Ausschnitt (in Abbildung 23).

Die Gespräche wurden mit zwei unterschiedlichen Gruppen durchgeführt: Die erste bestand aus sieben Frauen, darunter drei Aussiedlerinnen, die zweit aus vier Männern, davon waren drei iranischer Herkunft.

Im Gespräch mit der ‚Frauen-Gruppe‘ stand die Kleidung der jungen Frauen im Mittelpunkt: ‚Auf den ersten Blick schien es sich eindeutig um Frauen islamischen Glaubens in traditionellem Gewand zu handeln. Auf den zweiten wurden Unstimmigkeiten deutlich: Die Füße seien entgegen der traditionellen Vorschrift nicht bedeckt und die Schuhe wirkten zu modisch. Wegen der hellen Gesichtsfarbe seien es vielleicht zwei Deutsche auf Besuch in einem islamischen Land, zum Beispiel Iran, die sich den dortigen Kleidervorschriften angepasst hätten. Sie stünden auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums oder Flughafens. Die sterile und uniforme Modernität der Szenerie kontrastiere mit der Traditionalität ihrer Kleidung. Die Frauen wirkten nicht sehr glücklich, eher skeptisch und unsicher. Sie fühlten sich nicht sehr wohl in ihrer Haut (Diederich, 2004, S. 460).

Im Gespräch mit der ‚Männer-Gruppe‘ wurde von den Studenten (aus dem Iran) ‚die Kleidung der Frauen sofort und ausschließlich auf die – negativ gesehene – Rolle von Frauen im Islam bezogen. Es handele sich wegen der hellen Hautfarbe eher um in Europa aufgewachsene Frauen bzw. um europäische Frauen aus einer Mischehe. Das erkläre auch die Unstimmigkeiten in ihrer Kleidung. Sie fühlten sich nicht wohl, weil sie sich auch in Europa an eine Kleiderordnung halten müssten, mit der sie auffielen. Sie wirkten isoliert, verloren auf dem weitern Platz – ein Symbol für ihre Situation‘ (Diederich, 2004, S. 461).

Beide Gruppen registrierten Unstimmigkeiten in dem Bild ‚und versuchten sie auf ihre Weise einzuordnen, kamen aber im Verlauf der jeweils etwa eine Stunde dauernden Gespräche nicht darauf, dass es sich um ein Trugbild handeln müsse. Das Vertrauen auf den dokumentarischen Charakter des Mediums Fotografie war stärker als die Zweifel. Die Rückschlüsse von der Kleidung der gezeigten Frauen auf ihre Religionszugehörigkeit entsprachen den sozial üblichen Zuordnungen. Kleider machen Leute – eben auch Fremde. Die Bewertung der Kleidung und der in diesem Zusammenhang vermuteten Situation der beiden Frauen differierte entlang geschlechtsspezifischer und kultureller Selbst- und Fremdverständnisse. Grob gesagt hängt sie davon ab, wie man sich zum Islam allgemein oder zu einer von bestimmten islamischen Strömungen bzw. Staaten vertretenen Kleidervorschrift oder zur individuellen, möglicherweise auch religiös motivierten Wahlfreiheit bei der Kleidung stellt‘ (Diederich, 2004, S. 461 f.).

Diederich zieht aus beiden Gesprächen folgendes Fazit: Mit Hilfe des Bildes von J. Rudelius gelang es ‚nicht nur die Frage islamischer Kleidung (und damit indirekt den Islam) zu thematisieren, sondern vor allem – durch die schockhafte Aufklärung über den Entstehungsprozess des Fotos – das  Problem stereotypisierter Wahrnehmung und den Unterschied zwischen Erscheinung und Wesen zu vermitteln. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden dafür sensibilisiert, nicht dem ersten Augenschein zu trauen und den Wahrheitsanspruch fotografischer Medien kritisch zu überprüfen. Zugleich haben sie einen Eindruck von den künstlerischen Möglichkeiten der Fotografie – als, in diesem Fall, gestellte Fotomontage – bekommen. Das Bild von J. Rudelius erscheint gut geeignet, solche Lernprozesse in Gang zu setzen‘ (Diederich, 2004, S. 462).“ (S. 643-645)

Die Entdeckung der Langsamkeit beim Betrachten von Bildern

Anders als früher verbringt, wer ein Museum besucht, heute durchschnittlich nur wenige Sekunden vor einem Werk. Dazu kommt bei größerem Interesse ein Blick auf das Schild mit dem Titel des Bildes und dem Namen des Künstlers oder der Künstlerin. Die inzwischen beliebten Audioguides dehnen die Aufmerksamkeitsspanne zwar auf einige Minuten aus, aber ob und wie man mit ihrer Hilfe ein Bild besser wahrzunehmen lernt ist die Frage. Es geht ja hier eher darum, Wissen über das Bild zu vermitteln. Bei Führungen ist das meistens kaum anders.

Warum wäre es so wichtig, ein Bild mit all seinen Facetten in Ruhe und geduldig wahrzunehmen? Man könnte sagen: Weil es dafür gemalt wurde. Sonst hätte sich die Künstlerin oder der Künstler mit einem schnellen Statement begnügen können, mit einer heftigen Parole oder einer emotionalen Geste. Selbst wenn dies bei heutigen künstlerischen Ausdrucksweisen ja durchaus der Fall sein kann: Auch bei ihnen geht es um die Wahrnehmung, sie soll einen Schock der Erkenntnis auslösen.

Bei den eher traditionellen Bildmedien – Gemälden, Grafiken, Plakaten, Fotografien – entsteht dieser Schock gerade durch eine genaue, langsame Betrachtung. Diese Art des Betrachtens widerspricht dem heute üblichen Umgang mit der Bilderflut im „visuellen Zeitalter“, der durch die technischen Apparate – PCs und Handys – nahegelegt und befördert wird: flüchtiges Anschauen und schnelles Wegwischen oder Weiterzappen.

Entschleunigung ist da das Gegenmittel. Entschleunigung beim Betrachten heißt auch, den Gang der Dinge zu unterbrechen, ein Stoppsignal zu setzen gegen das Weiter-so, das scheinbar notwendige ewige Wachstum und – auf der anderen Seite – die wachsenden Krisenängste.

Am 25.1.2019 brachte die Kunstzeitschrift „Monopol-Magazin“ auf ihrer Homepage einen Podcast unter dem Titel: „Slow-Art-Bewegung will Kunstbetrachtung entschleunigen“. Es gehe um einen „achtsameren Umgang mit Kunst.“ Berichtet wurde über ein neues Konzept der Tate Gallery of Modern Art in London anlässlich einer Ausstellung des französischen Malers Pierre Bonnard. „Slow looking“ ist die Devise dieses Konzepts, das dem gewohnten Kunstkonsum und den eingespielten Vermittlungsformen etwas anderes entgegen setzt. „Eine großzügige Hängung und Kleingruppenführungen, in denen das Publikum eine ganze Stunde mit nur zwei bis drei Bildern verbringt, sollen beim ‚slow looking‘ helfen.“

Dies ist längst kein Einzelfall mehr. Auf der Homepage des Kollwitz-Museums Berlin heißt es beispielsweise: „Im April 2023 wurde das beliebte interaktive Führungsformat ‚Slow Art‘ wieder eingeführt. Mit dieser bereits vom Kollwitz-Museum erprobten Vermittlungsreihe soll der Museumsbesuch entschleunigt werden. Alle zwei Monate … wird zu einer intensiven Betrachtung von einigen wenigen ausgewählten Werken von Käthe Kollwitz eingeladen. Die langsame, eigenständige Kunstbetrachtung steht bei der Slow Art im Vordergrund. Durch ein unvoreingenommenes Schauen – zunächst unter Verzicht auf Informationen – und das anschließende Gespräch eröffnet sich dem Besucher eine neue Perspektive auf die Werke von Käthe Kollwitz.“

Das Kunstmuseum Singen lud anlässlich des Internationalen Slow Art Days, der 2023 bereits zum 14. Mal stattfand, zu einer „Kunstbetrachtung im Schneckentempo“ ein. Unter dem Motto „Weniger anschauen, mehr sehen“ sollte eine „eigenständige und bewusste Betrachtung, die sich offen und unvoreingenommen auf die Kunst einlässt und dabei auf kunsthistorische Urteile und Bewertungen verzichtet“ erreicht werden. „Die entschleunigte Kunstbetrachtung ermöglicht eine tiefergehende Reflexion und damit ein größeres Verständnis für das Exponat.“

Das sind nur einige Beispiele, die sich fortsetzen ließen. Denn inzwischen experimentieren weltweit immer mehr Museen mit alternativen Formen der Kunstbetrachtung. Eine Rolle mag dabei spielen, dass der Abbau von Hierarchien im Bildungsbereich zugunsten interaktiver und gleichberechtigter Kommunikation noch immer fortschreitet. Autoritative Wissensvermittlung erweist sich – zumindest in diesem Bereich – als eher dysfunktional und kaum geeignet, die selbst gesteckten Bildungsziele zu erreichen.

Als wichtiges Stichwort bei der Beschreibung von Slow Art-Konzepten der Kunstbetrachtung fällt auf, dass diese „unvoreingenommen“ sein soll. Den Teilnehmenden soll nicht vorab kunsthistorisches Wissen oder Biographisches über die Künstler:innen vermittelt werden, sie sollen nicht Interpretationen vorgesetzt bekommen, die ihnen die eigene Wahrnehmung, das eigene Verständnis und damit auch möglicherweise unter die Haut gehende, schockierende Erkenntnisse ersparen.

Eine Erfahrung, die sie machen können, wenn es tatsächlich um unvoreingenommene, offene Gespräche in der Gruppe geht, wenn die Führenden sich mehr als Moderatoren verstehen, nicht so sehr als Wissensvermittler: Andere sehen anders und anderes als man selbst. Es gibt immer mehrere Interpretationen zu einem Bild und es ist nicht möglich zu entscheiden, welche die richtige ist. Auch die Kunstwissenschaft hilft da nicht wirklich weiter. Sie liefert wissenschaftlich mehr oder weniger abgesicherte Erklärungen, aber die jeweilige subjektive Wahrnehmung und Interpretation eines Kunstwerks kann sie weder vorwegnehmen noch ersetzen.

Eine unvoreingenommene Kunstbetrachtung ist auch als Einübung in demokratische Toleranz zu verstehen. Unterschiedliche Ansichten können hier nebeneinander bestehen bleiben, verschiedene Perspektiven einander ergänzen und es kann sich ein ganzes Mosaik von Bedeutungen ergeben. Stereotype Wahrnehmungsmuster und Vorurteile können so zumindest an- oder aufgelockert werden. Damit wird der Tendenz entgegen gearbeitet, sich nur mit Gleichgesinnten in „Echokammern“ oder „Meinungsblasen“ einzuschließen.

Die KunstGesellschaft praktiziert schon seit Jahrzehnten eine Methode des Bildergesprächs, die dem entspricht, was mit dem Slow Art-Konzept der Kunstbetrachtung angestrebt wird: Konzentration auf ein Bild, das ohne weitere Vorgaben mit viel Zeit betrachtet, beschrieben und gemeinsam interpretiert wird. Die Wirkung ist enorm: Das Bild beginnt zu leben, es regt dazu an, immer neue Details zu entdecken und Geschichten zu ihm zu erzählen. Die Teilnehmenden fühlen sich, wie sie manchmal sagen, geradezu befreit und beschwingt, sich über ein Kunstwerk so miteinander austauschen zu können. Und das Gespräch bleibt nicht an der Oberfläche stehen, es bekommt manchmal eine philosophische und nicht selten auch eine politische Dimension.

Das ist nichts Ungewöhnliches, denn Kunst ist ja nicht allein um der Kunst willen da. Sie sollte nicht als Kulturgut für die Wenigen, sondern als „Lebensmittel“ für Alle betrachtet werden.

Angebote für Bildergespräche: www.kunstgesellschaft.de

Protokolle von Bildergesprächen: www.agruenberg.de

Texte zur Methode: www.bildergespraeche.de

Aus: slowArt Zeitung, Kunstfest in Butzbach-Griedel am 7. September 2024

Das Bildergespräch als Methode interkulturellen Lehrens und Lernens

Aus: Andreas Treichler / Norbert Cyrus (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft, Frankfurt a. M. 2004

In der Ausbildung von Sozialpädagogen/Sozialarbeitern überwiegt, was den Bereich „Ästhetik und Kommunikation“ angeht, neben traditionellen Sparten wie dem Theaterspiel, die Beschäftigung mit den „modernen“ Medien Fotografie, Film und Video. Die Arbeit mit diesen Medien erscheint besonders praxisnah, wenn man an die Nutzbarkeit im Rahmen der späteren Tätigkeit – besonders in der Jugendarbeit – denkt.

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